Aus Geschichte und Lehre
Die griechisch-orientalischen (orthodoxen) Kirchen nennt man auch Ostkirchen. Die Bezeichnung orthodox (rechtgläubig) deutet an, dass es sich um Kirchen handelt, die auf die Wurzeln des Christentums zurückgehen.
Die Orthodoxie hält sich für älter als die Kirche von Rom. Während diese ihren Ursprung von der römischen Gemeinde und dem Apostel Petrus ableitet, meinen die Orthodoxen, direkt von den ersten Christusgemeinden im Heilligen Land, ja von der Urgemeinde in Jerusalem abzustammen. Bestärkt wird diese Meinung durch den Umstand, dass die älteste Niederschrift des Neuen Testaments in griechischer Sprache erfolgte, der Sprache der orthodoxen Mutterkirche.

Wenn man heute von der „ungeteilten, einen, allgemeinen, katholischen und apostolischen Kirche“ spricht, so meint man die Gesamtkirche von 1054, also vor der offiziellen, durch gegenseitigen Bannfluch zustande gekommenen Spaltung zwischen Ost- und Westkirche. Die Bannflüche wurden zwar von wenigen Jahren aufgehoben, trennend steht zwischen den beiden großen uralten Kirchenkörpern aber nach wie vor die römische Institution des Papsttums, vor allem die Dogmen von 1870 von der päpstlichen Unfehlbarkeit und der bischöflichen Allgewalt des Papstes. Die Orthodoxie kennt kein autoritäres geistliches Oberhaupt wie die Kirche von Rom, sie ist vielmehr ein Verband einzelner Nationalkirchen, vertreten durch ihre Patriarchate. Nach der Spaltung von der Westkirche hat sich die Orthodoxie theologisch-wissenschaftlich kaum mehr verändert.

Die griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche
Die zum Teil noch aus Paulinischer Zeit stammenden, aber fast durchwegs uralten christlichen Gemeinden auf griechischem Boden bildeten die orthodoxe Kirche Griechenlands. Bis ins 8.Jahrhundert unterstand sie formell der römischen Jurisdiktion. Kaiser Leo III. unterstellte sie 732 dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der bis heute den Ehrenprimat über die gesamte Orthodoxie innehat. Nachdem Konstantinopel 1204 durch die (katholischen) Kreuzfahrer erobert worden war, wurden alle orthodoxen Priester und Bischöfe vertrieben, die den Papst nicht anerkennen wollten.

Die Kirche wurde dem lateinischen Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Aber der Widerstand gegenüber Rom blieb. Nach der Wiedererrichtung des byzantinischen Staates (nach1261) wurde die Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchen über die gesamte griechische Kirche wiederhergestellt.
Die orthodoxe Kirche Griechenlands ist eng mit dem griechischen Volk und seiner Kultur verbunden. Besondere Verdienste kommen dabei den Mönchen zu. Seit dem 10. Jahrhundert besteht in Griechenland ein starker Drang nach dem monastischen Leben, im Hochmittelalter wurden viele Klöster gegründet. Die meisten liegen auf Gebirgspässen und an Kreuzwegen, also an verkehrstechnisch wichtigen Punkten. Da Mönche oft an der Verteidigung des Landes gegen heidnische Überfälle beteiligt waren, liegt die Vermutung nahe, dass die Klostergründungen aus zum Teil militärischen Gründen vom Staat gefördert wurden. Ende des 10. Jahrhunderts wurde auch die Mönchsrepublik auf dem Berg Athos reorganisiert.

Nach der Eroberung Konstantinopels durch die islamischen Türken (1453) vergingen nur wenige Jahre, bis die Türken auch Griechenland besetzten. Vor den größten Schikanen konnte man sich im Allgemeinen nur durch den Übertritt zum Islam retten. Für Christen herrschte Schulverbot, daher versank eine ganze Nation in Unwissenheit und war damit in Gefahr, ihr Selbstbewusstsein zu verlieren. Hier griff die Kirche ein. Die Geistlichen wurden zu Ethnarchen (Volksführer). Die „Schule im Verborgenen (Krypho SCholeio)“, die von der Kirche erhalten wurde, war die einzige Bildungsmöglichkeit für die griechischen Kinder, denen die Mönche das Lesen, Schreiben und die Geschichte ihres Volkes beibrachten. Die Kirche tat auch viel zur Linderung der größten Not.

Diese Tätigkeit setzte die Kirche auch nach der Befreiung von den Türken fort und ist immer noch bereit, die Rolle des „Ethnarchen“ zu spielen, z.B. in Zypern.
In Österreich gibt es griechisch-orientalische (orthodoxe) Christen seit mehreren Jahrhunderten. Schon die Babenberger heirateten griechische Prinzessinnen, die ihre „orthodoxe“ Gefolgschaft mitbrachten. Griechen kamen vor allem als Kaufleute, Ärzte und Gelehrte in unser Land. Gemeinsam mit den evangelischen Christen bekamen sie 1781 im Rahmen des Toleranzpatents Kaiser Josefs II. die Erlaubnis zur freien Religionsausübung. Heute ist Wien Sitz eines griechisch- orthodoxen Metropoliten.

Die serbische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche
Im 6. Jahrhundert begann das slawische Volk der Serben den nördlichen Teil der Balkanhalbinsel zu besiedeln, die damals zum byzantinischen Reich gehörte. Dort kamen sie mit dem Christentum in Berührung. Der Prozess ihrer Christianisierung dauerte rund 300 Jahre. Das größte Verdienst um die Christianisierung der Serben kommt den Brüdern Cyrill und Method im 9. Jahrhundert zu, die, obwohl von Geburt Griechen, als die Slawenapostel gelten. Sie schufen das erste slawische Alphabet und predigten in slawischer Sprache. Durch sie erhielten die Serben die Heilige Schrift und die wichtigsten liturgischen Bücher in ihrer eigenen Sprache. Die von Cyrill und Method gegründeten Klöster wurden zu den wichtigsten Zentren christlichen Lebens. Nach dem Bruch zwischen Ost- und Westkirche von 1054 wetteiferten Rom und Byzanz darin, die Serben unter ihren Einfluss zu bekommen. Ende des 12. Jahrhunderts gelang es dem serbischen Fürsten Stefan Namanja, die Serben als Nation zu einigen. Kirchlich entschied er sich für den Osten. Sein Sohn Sava, später als Heiligen verehrt, wurde zum geistlichen Führer. Er hielt vom Ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel die Autokephalie (kirchliche Selbständigkeit) und wurde der erste serbische Metropolit. Ihm ist die Organisation der serbischen Kirche zu verdanken, er gründete Bistümer, Pfarreien und viele Klöster. Ende des 14. Jahrhunderts erlebte die Kirche ihren Höhepunkt und wurde zum Patriarchat erhoben.

Diese Entwicklung wurde bald darauf durch den Einfall der Türken auf dem Balkan unterbrochen. Fast fünf Jahrhunderte lang litt das serbische Volk und mit ihm seine Kirche unter der türkischen Herrschaft. In dieser schweren Zeit war die Kirche nicht nur Trägerin des religiösen Lebens, sondern auch Repräsentantin des nationalen, kulturellen und politischen Lebens der Serben. Die Bedeutung der Kirche für die Nation erhöhte sich besonders nach der Wiederherstellung des Patriarchats 1557. Die Jurisdiktion des Patriarchen umfasste das ganze serbische Volk, nicht nur in Serbien, sondern auch in allen Ländern, in die sich Serben vor den Türken geflüchtet hatten. Während der Zeit der Türkenkriege auf dem Balkan kämpften die Serben, unterstützt von ihrer Kirche, an der Seite Österreichs. Als sich die österreichischen Truppen 1690 hinter Save und Donau zurückzogen, folgte ihnen eine große Zahl von Serben unter der Führung des Patriarchen Arsenij III. in die Wojwodina. Dort konnten sie ihr nationales und kirchliches Leben neu organisieren. Nach den serbischen Aufständen von 1804 und 1815 wurde das Land wieder befreit, die Kirche erhielt wieder ihre Autokephalie als Erzbistum. Nach der Vereinigung Jugoslawiens 1918 wurde das Patriarchat wiederhergestellt. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele serbisch-orthodoxe Christen getötet, fast die Hälfte der Priester waren umgekommen. Rund 1400 Kirchen, Klöster und Kapellen wurden zerstört, der Patriarch und zwei Bischöfe kamen ins Konzentrationslager Dachau. Noch heute leidet die Kirche unter den Verlusten im Krieg.

In Österreich gibt es schon lange serbische griechisch-orientalische (orthodoxe) Christen. Sie kamen während der Zeit der Monarchie als Soldaten, Handwerker, aber auch als Akademiker nach Wien. Durch die vielen jugoslawischen Gastarbeiter ist die Zahl der serbisch-orthodoxen Christen in unserem Land in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegen.

Die rumänische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche
Obwohl anzunehmen ist, dass bereits im 2. und 3. Jahrhundert christliche Einflüsse das damals zum römischen Reich gehörende Land erreichten, so kennt man eine rumänische Kirchengeschichte erst seit dem 14. Jahrhundert. Bis zu diesem Zeitpunkt ist verhältnismäßig wenig von diesem Land bekannt, man weiß nicht einmal recht, wer es besiedelte. Sicher ist nur, dass Rumänien während des ganzen Mittelalters den bulgarischen Diözesen Silistra und Widdin unterstand und damit ein Teil der orthodoxen Kirche war. Die Kirchensprache war slawisch. Das kirchliche Leben wurde erst seit dem 16. Jahrhundert wirklich organisiert. Unter türkischer Oberhoheit wurde es kaum angetastet, wenn das Land auch vielfach mit muslimischen Siedlern durchsetzt war.

Seit dem 17. Jahrhundert gewann das griechische Kirchentum stark an Einfluss. Viele Klöster wurden griechischen Mutterklöstern auf dem Athos, dem Sinai oder in Jerusalem übereignet, und griechische Mönche gründeten griechische Schulen. Ein Versuch, sich der russischen Kirche anzuschließen, misslang.
1859 wurden die beiden Donaufürstentümer Moldau und Walachei zusammengeschlossen, vier Jahre später der Klosterbesitz säkularisiert – damals fast ein Fünftel des Landes. Gleichzeitig wurde der griechische Einfluss ausgeschaltet. Seit 1865 war die Kirche autokephal, allerdings wurde diese Tatsache erst 20 Jahre später vom Ökumenischen Patriarchat anerkannt. Um 1870 wurde in Rumänien die lateinische Schrift eingeführt, seither ist das moderne Rumänisch auch Kirchensprache.

Von dieser Entwicklung unabhängig ist die Kirchengeschichte Siebenbürgens. Hier war schon im 14. Jahrhundert ein Exarchat des Ökumenischen Patriarchats entstanden, um 15. und 16. Jahrhundert wurden zwei weitere Bistümer gegründet. Der starke nationale Gegensatz zwischen Ungarn, Siebenbürgen Sachsen und Rumänen – nur die letzteren sind Orthodoxe – wirkte sich auch auf die Kirche aus. Zwischen 1697 und 1700 spaltete sich die orthodoxe Kirche n Siebenbürgen, ein Teil schloss sich als „uniert“ der römisch-katholischen Kirche an. Nach langem politischen Tauziehen gewährte Ungarn 1869 den Orthodoxen in Siebenbürgen die kirchliche Autonomie mit der Metropole Hermannstadt. Nach dem Zusammenschluss mit Rumänien 1918/19 kam es zu engen Beziehungen zwischen der siebenbürgischen und der rumänischen Orthodoxie. Der formale Zusammenschluss erfolgte 1925, wobei die Siebenbürger zahlreiche Sonderrechte erhielten.

Alle Orthodoxen sämtlicher Landesteile wurden nun in einem Patriarchat zusammengefasst, das von Konstantinopel anerkannt wurde. Das neue Patriarchat wurde in fünf Metropolen eingeteilt. Die Umwandlung Rumäniens in eine Volksrepublik brachte ein neues Verhältnis zwischen Kirche und Staat; es kam zu einer völligen Trennung. Die theologischen Akademien wurden aus dem Universitätsverband gelöst, die Zahl der Theologiestudenten auf 500 beschränkt. Der Religionsunterricht muss außerhalb der Schulen erteilt werden. Die Kirche produziert zahlreiche theologische Zeitschriften von hervorragender Qualität.

In Österreich gibt es schon lange eine rumänische griechisch-orientalische (orthodoxe) Gemeinde. Viele rumänische griechisch-orientalische (orthodoxe) Christen haben zum kulturellen Leben Österreichs beigetragen, es soll nur an den berühmten rumänischen Dichter Eminescu erinnert werden, der einen Teil seiner Studienzeit in Wien verbrachte und nicht nur entscheidende Anregungen erhielt, sondern in einer Art Wechselwirkung die Literatur unseres Landes beeinflusste. Die rumänische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche in Österreich hat ihren Sie in Wien.

Die bulgarische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche
Das Gebiet des heutigen Bulgarien war ursprünglich von indogermanischen Thrakern besiedelt, die in den letzten Jahrhunderten v. Chr. von den Griechen, dann von den Römern beeinflusst wurden. Ab dem 3. Jahrhundert gab es christliche Gemeinden, am Ende des 4. Jahrhunderts war das Christentum die vorherrschende Religion. Seit dem Beginn des 6. Jahrhunderts begannen Slawen unter einer türkischen Oberschicht in das Land einzuströmen, um 600 war das ganze Land slawisch. Durch das Eindringen der Slawen dam es zunächst zu einer fast völligen Ausrottung des Christentums. Erst im 8. Jahrhundert führen Handelsbeziehungen, die Einfuhr christlicher Sklaven und slawische Söldner im oströmischen Heer zu neuen Ansätzen der Christianisierung. Im 9. Jahrhundert setzt sich die slawische Sprache der bäuerlichen Unterschicht gegenüber der türkischen Sprache der Oberschicht durch. Es kommt zur Bildung eines neuen Volkes. Khan Boris I. (852-888) entscheidet sich aus politischen Gründen für das Christentum. Schüler des heiligen Method, die um 885 aus Großmähren vertrieben werden, finden in Bulgarien Zuflucht und einen neuen Wirkungskreis und verstärken die missionarischen Bemühungen. Erst jetzt kann sich eine kirchliche Hierarchie ausbilden.

Durch die Eroberung Konstantinopels durch westliche Christen 1204 verstärkt sich in den folgenden Jahren der lateinische Einfluss auf Bulgarien erheblich. Dies veranlasst den Zaren Kolajan (1197-1207) zu einer Union mit dem Papsttum, die allerdings nur bis 1235 gedauert haben kann, da in diesem Jahr das autokephale Patriarchat Bulgariens vom Ökumenischen Patriarchen anerkannt wird. Dieses bulgarische Patriarchat besteht bis zur Eroberung des Landes durch die Osmanen.

In der Zeit zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert kommt es immer wieder zu bulgarischen Aufständen gegen die osmanische Herrschaft, die freilich erfolglos bleiben, anderseits aber den griechischen Einfluss auf die bulgarische Kirche stärken. Im 18. Jahrhundert werden die bulgarischen Bistümer fast nur mehr mit griechischen Geistlichen besetzt. 1767 wird der letzt bulgarische Rückhalt, das Erzbistum Ochrid, dem Patriarchat Konstantinopel einverleibt. Erst Ende des 18. Jahrhunderts kommt es zu einem nationalen Aufschwung des bulgarischen Volkes, der natürlich auch die Kirche erfasst. Es sind vor allem die Klöster, aus denen die kirchliche und nationale Gegenbewegung kommt. Die Bulgaren können nach langen, leidvollen Kämpfen schließlich die Bischofssitze und – was besonders wichtig ist – das bisher von den Griechen beherrschte Schulwesen zurückgewinnen. Durch die Errichtung eines bulgarischen Schulsystems wird die griechische Sprache nach und nach verdrängt. Nach dem Krimkrieg (1853-1856) bricht der Kirchenkampf in voller Härte und Leidenschaft aus. Der Patriarch von Konstantinopel bleibt unnachgiebig. So streben die Christen Bulgariens eine Union mit Rom an.

Um den Streit zu beenden, begründet der Sultan durch Ferman (Erlass) am 12. März 1870 ein autonomes bulgarisches Exarchat, das das Gebiet des heutigen Bulgarien sowie Mazedonien umfasst. Der von den Türken unter fürchterlichen Grausamkeiten niedergeworfene bulgarische Aufstand führt zum russisch-türkischen Krieg (1877/78) und schließlich zur Gründung eines selbständigen bulgarischen Staates.

Das seit 1870 bestehende Schisma mit Konstantinopel findet erst 1945 mit der Anerkennung der bulgarisch-orthodoxen Autokephalie durch das Ökumenische Patriarchat sein Ende. Nach der Einführung der Volksrepublik kommt es in Bulgarien nicht zum Kirchenkampf. Die bulgarisch-orthodoxe Kirche wird „demokratische Volkskirche“. 1953 wurde die Patriarchatswürde wiederhergestellt. Obwohl es in Österreich schon lange bulgarische Christen gibt – sie kamen vor allem als Gärtner schon in der Zeit der Monarchie ins Land -, konstituiert sich erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts eine eigene Gemeinde mit eigenem Seelsorger.

Die russische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche
Die Geschichte der russischen Kirche beginnt 988 mit der Bekehrung des Großfürsten Wladimir von Kiew zum Christentum. Wladimir veranlasste sein Volk, ihm im Glauben zu folgen, und machte das Christentum zur Staatsreligion. Das bedeutete einen Anschluss Russlands an Europa. Das christliche Russland bildete so eine Front gegen das heidnische Asien. Geistig war für den Aufbau der russischen Kirche nicht so sehr Byzanz verantwortlich als das südslawische kirchliche Zentrum Ochrid. Da man aus Bulgarien die altslawischen Übersetzungen der wichtigsten kirchlichen Schriften – vor allem der Bibel – ohne Sprachschwierigkeiten übernehmen konnte, erlangte die griechische Kirchensprache in Russland niemals Bedeutung.

Diese sprachliche Eigenständigkeit förderte die Nationalisierung der russischen Kirche, obwohl ihr geistliches Oberhaupt, seit 1037 der Metropolit von Kiew, zunächst meist ein Grieche war. Während der Weltklerus zumindest in der Frühzeit stark südslawisch durchsetzt war, war das Mönchstum von Anbeginn an rein russisch. Das war von größter Bedeutung, denn es waren die Mönche, die für die Christianisierung der breiten Massen und für die Durchdringung des Volkes mit typisch russischer Frömmigkeit sorgten. In den Mönchen sah das Volk seine wahrhaften geistlichen Führer.

Jaroslaw der Weise (+1045) konnte – wenigstens für kurze Zeit – einen Russen zum Metropoliten machen. Damals gab es in Kiew eine gewisse antigriechische Strömung. Die von den Fürsten begünstigt wurde. Mitte des 12. Jahrhunderts verlor Kiew seine Stellung als politisches Zentrum des Landes, es bildeten sich neue Schwerpunkte. Das einigende Band Russlands wurde nun mehr und mehr seine Kirche. Der Sitz des Metropoliten wurde nach Wladimir verlegt, nachdem Kiew 1240 von den Mongolen zerstört worden war.

Die Zeit vom 14. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch ein starkes Bündnis zwischen Kirche und Staat im Kampf um die Unabhängigkeit sowohl gegenüber Byzanz. Die Errichtung eines eigenen Moskauer Patriarchates und die damit endgültige Lösung von Konstantinopel bedeutete einen riesigen Prestigegewinn. Es war zu einer inneren Erneuerung der russischen Kirche gekommen. Die Mongolen wurden als Strafgericht Gottes für die Sünden der Christen betrachtet. Die Kirchenleitung in Moskau tat alles, um ihre Macht zu festigen und die Organisation der Kirche in Moskau zu zentralisieren. Da die Mongolen noch immer den östlichen Teil des Landes beherrschten, schloss sich der Westen des Reiches eng an die Großmacht Litauen an. Was ursprünglich als Schutzbündnis gegen die Mongolen gedacht war, wurde zur Abhängigkeit. Das litauische Reich dehnte seine Macht immer weiter nach Osten aus und reichte schließlich bis Kiew.

Damit war auch auf kirchlichem Gebiet der Einfluss Moskaus weitestgehend ausgeschaltet. Durch eine Union mit Polen kam es auch zu einem stärkeren Eindringen westlich-katholischer Elemente. So kam es zu einem harten Abwehrkampf gegen die katholische Kirche, die die orthodoxen Christen unter ihre Jurisdiktion zu bekommen versuchte. Durch die höhere kulturelle Potenz der Katholischen Kirche wurden vor allem viele Adelige zu einem Übertritt bewogen. Es gab aber auch Adelige, die sich als Verteidiger des orthodoxen Glaubens fühlten. Auf sie und auf das Bürgertum war nun die russische Kirche vor allem angewiesen. Es wurden Bruderschaften gegründet, die als aktives Laienelement in der Kirche entscheidend zum Fortbestehen der russischen Kirche beitrugen. Die Auseinandersetzung mit dem westlichen Katholizismus hat dazu geführt, dass die Orthodoxie im Südwesten Russlands theologisch viel aufgeschlossener und aktiver war als etwa die Moskauer Patriarchie.

Kurz nach der Gründung des Moskauer Patriarchates 1589 starb die Rurik-Dynastie aus. Durch das Auftreten des „falschen Demetrius“ kam es im Land zu schweren Wirren. Als das katholische Polen eingriff, konzentrierten sich die nationalen Kräfte Russlands zu einem Abwehrkampf, an dem sich die orthodoxe Kirche lebhaft beteiligte. Der 1613 gewählte junge Zar Michael Romanow war ein Sohn des Patriarchen Filaret. Regent war in Wirklichkeit nicht der Zar, sondern der Patriarch. In der neu geschaffenen Ständevertretung war auch die Geistlichkeit vertreten.

Unter den vielen einschneidenden Reformen Zar Peters des Großen hatte sein „Geistliches Reglement“ von 1721 den größten Einfluss auf die Kirche. An die Stelle des Patriarchen setzte er eine Staatsbehörde – den „Allerheiligsten dirigierenden Synod“ -, dessen Oberprokurator, ein Laie, entscheidende Rechte hatte. Diese Neuerung betraf aber im Wesentlichen nur die Verwaltungsstruktur der Kirche. Ihr theologischer, vor allem ihr liturgischer Charakter blieb unberührt. Katharina die Große entschied 1764 die Frage der Klostergüter im Sinne der Säkularisierung, sie ging dabei aber nicht so rigoros vor wie Josef II. in Österreich. Besonders aus der Literatur des vorigen Jahrhunderts ist uns die tief religiöse Haltung des Volkes und auch der gebildeten Schichten zum Begriff geworden.

Im November 1917 fand sich die Kirche bald in einen ideellen Kampf gegen den atheistischen Bolschewismus verwickelt. Als Patriarch Tycon im Jänner 1918 das Anathema über die Bolschewisten aussprach, verkündete die Regierung wenige Tage später die absolute Trennung von Kirche und Staat. Der Kirche wurden alle Rechte einer juristischen Person aberkannt, die Schließung der kirchlichen Lehranstalten und die Enteignung des gesamten kirchlichen Eigentums wurden vorgesehen. Als sich der Kampf der Regierung auch persönlich gegen Priester und Bischöfe richtete, kam es zu einer Verschärfung des Verhältnisses. Zwar sicherte das Kultusgesetz von 1929 Religionsfreiheit, die Kirche wurde jedoch völlig der staatlichen Kontrolle unterstellt. Die „große Säuberung“ von 1936/37 forderte viele Opfer. Allerdings wurde niemand wegen seiner Religionszugehörigkeit verurteilt, es wurden vielmehr immer staatsfeindliche oder konterrevolutionäre Tätigkeiten vorgeschoben. Erst der Zweite Weltkrieg brachte eine gewisse Entlastung. 1943 gestattete Stalin die Wahl Sergius` zum Patriarchen und ließ 1945 Neuwahlen in den Synod zu. Auch die antikirchliche Propaganda wurde eingeschränkt.

Die Kirche ihrerseits unterstützte den sowjetischen Patriotismus und stiftete namhafte Geldbeträge für die Landesverteidigung. Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche ist derzeit recht gut. Die russisch-orthodoxen Christen in Österreich setzten sich zunächst vorwiegend aus Diplomaten und Kaufleuten zusammen, nach der Revolution kamen viele Flüchtlinge. Die russische griechisch-orientalische (orthodoxe) Kirche hat in Wien einen Bischofssitz.

Gemeinsamkeiten
Die griechisch-orientalischen (orthodoxen) Kirchen sind geeint durch ihre Lehre. Unterschiede sind eher in Volksbräuchen gegeben, die aber dogmatisch in keiner Weise ins Gewicht fallen. Obwohl der Mensch durch den Sündenfall, die Ursünde, dem Tod anheim fiel, hat doch Gott von Anfang an seine Erlösung beschlossen und durch die Menschwerdung seines Lohnes Jesus Christus, dessen Leiden, Sterben und Auferstehen vollendet. Da der Mensch seinen freien Willen trotz der Ursünde behalten hat, kann er auf seine Weise am Heilsprozess mitwirken. Dazu notwendig sind sein Glaube an den Gottmenschen Jesus Christus und gute Werke. Die Menschwerdung Gottes kann nicht verstanden werden, sie ist ein Geheimnis.

In der Kirche wird der von Jesus Christus begonnene Heilsprozess weitergeführt. Sie zeigt den Menschen in der Eucharistie das Drama von Kreuzesopfer und Erlösung. Demzufolge ist die Messe eine Art Mysterienspiel, das von der Gemeinde eher passiv verfolgt wird. Theatralisch ist die Trennung des Gemeinderaumes vom Altarraum durch eine Bilderwand, durch deren drei Türen die Priester wie Schauspieler kommen und gehen. Die Orthodoxie anerkennt als Quellen des Glaubens die Heilige Schrift und die Tradition. Letztere schützt die Kirche vor Irrlehren. Neue Dogmen könnte nach orthodoxem Verständnis nur ein wahrhaft ökumenisches Konzil schaffen. Demgemäß werden auch nur die ersten sieben Konzile der ungeteilten Kirche (vor 1054) anerkannt. Als Dogmen gelten auch die Liturgien des Chrysostomos und des Basilius.

Die Hierarchie spielt in der Orthodoxie eine große Rolle. Der eigentliche Träger der Tradition ist der Bischof, der auch als der Liturg schlechthin gilt. Die Priester sind von ihm nur delegiert. Außer Priester und Bischof gibt es noch den Diakon sowie eine untergeordnete Gruppe: Subdiakon, Vorleser, Kantoren. Die nach kirchlichem Recht empfangene Ordination berechtigt zur Verwaltung der Sakramente. Die Orthodoxie kennt sieben Sakramente: Taufe, Firmung (die unmittelbar nach der Taufe gespendet wird), Abendmahl (Eucharistie), Buße, Krankensalbung(nicht Sterbesakrament, nicht letzte Ölung!), Ehe und Priesterweihe.

Besonders ausgeprägt ist die Heiligen- und Bilderverehrung. Die Ikone ist aber niemals Gegenstand der Anbetung, sondern vielmehr ein Mittel zur Versenkung (Medium), ein Fenster zur himmlischen Welt. Besondere Verehrung genießt die Muttergottes. Eine wesentliche Rolle in der Orthodoxie spielt das Mönchstum. Da die Bischöfe zum Unterschied von den Priestern nicht verheiratet sein dürfen, kommen die meisten von ihnen aus dem Mönchsstand. Es gibt keine unterschiedlichen Orden wie in der Westkirche.

Allerdings sind die Mönchsregeln sehr ähnlich, wenn sie auch von jedem Kloster für sich selbst bestimmt werden. Das orthodoxe Mönchswesen nicht weltfremd. Von ihm sind zu allen Zeiten entscheidende Kraftströme ausgegangen.