Ursprünglich waren nur die Männer zum Kult verpflichtet. Der neugeborene Knabe wird am achten Lebenstag beschnitten. Diese Abtrennung der Vorhaut ist ein Zeichen des Bundes mit Gott. Im 13. Lebensjahr wird der junge Jude vollberechtigtes Mitglied der Gemeinde (Bar Mizwa = Sohn des Gebotes). In der Synagoge sitzen Männer und Frauen getrennt. Dies alles bedeutet keine Minderachtung der Frau, man meint vielmehr, dass sie durch ihre Sorge für die Familie einen sehr aktiven Gottesdienst leistet. Innerhalb der Familie stehen ihr besondere kultische Pflichten zu.

Seit dem Beginn unseres Jahrtausends ist nur die Einehe gestattet. Der gläubige Jude befolgt streng die Speisegebote seiner Religion. Verboten sind außer Schweinefleisch u. a. Kamel- und Hasenfleisch. Während das Fleisch aller Wiederkäuer mit gespaltener Klaue, von Vögeln und Fischen erlaubt ist. Die Art der Schlachtung ist genau festgelegt. Das Tier muss ausbluten, denn der Genuss des Blutes ist streng verboten. Die Schlachtung muss aber für das Tier schmerzlos durchgeführt werden.

Die Woche wird vom Sabbat (Ruhetag) beschlossen. Zur Erinnerung an den siebenten Schöpfungstag, an dem Gott ruhte, und an die Sklavenarbeit des Volkes Israel in Ägypten darf am Sabbat keine Arbeit verrichtet werden (das gilt auch für die von Juden beschäftigen Nichtjuden), man darf auch nicht reisen, schreiben, Geld berühren usw. Der freudig begrüßte Sabbat ist ein Tag des Gottesdienstes, der Besinnung und der Erholung.

Der Mensch ist das Geschöpf Gottes, gebildet aus Staub nach seinem Ebenbild. Gott hat ihm einen feien Willen geschenkt. Der Mensch kann sich seinem Schöpfer zuwenden oder sich von ihm abkehren. Es besteht aber immer die Möglichkeit zur Umkehr. So heißt es im Gebet: „Umkehr, Wohltun und Gebet wenden das Böse von uns ab.“ Nicht erst nach der Errichtung des Reiches Gottes am Ende aller Zeiten wird Gutes und Böses vergolten, sondern bereits hier auf Erden.

Der Synagogengottesdienst ist einfach und gleicht in seinem Aufbau im wesentlichen dem christlichen Wortgottesdienst katholischer Prägung, der sich bekanntlich aus dem Synagogengottesdienst ableitet. Die Synagoge weist keinen Bilderschmuck auf, das hängt mit dem im Dekalog (=Die 10 Gebote) enthaltenen Bilderverbot zusammen.

Gebete sind zu bestimmten Tageszeiten zu sprechen, es gibt festgelegte Formen für Morgen-, Mittags- und Abendgebet. Beim Gebet wird ein mit Quasten versehener Gebetsmantel (Tallit) getragen, der auch durch ein unter der Kleidung getragenes viereckiges Tuch (Arba Kanfot) ersetzt werden kann. An der Stirn und um den linken Arm befestigt man Gebetsriemen (Tefillim), in denen Kapseln mit Thorasprüchen auf Pergament enthalten sind. Die Männer müssen beim Beten immer das Haupt bedeckt haben. Gebetsrichtung ist gegen Jerusalem.

Im Mittelalter verbreitete sich das Judentum in ganz Europa und trug wesentlich zur Geistesgeschichte des Abendlandes bei. Juden wirkten als Mathematiker, Philosophen, Ärzte und Naturwissenschafter. Andererseits kam es immer wieder zu schweren Verfolgungen unter den unsinnigsten Anschuldigungen, worunter Ritualmord an Christenkindern, Hostienschändung und Brunnenvergiftung die schwersten waren. Unter diesem Druck wanderten viele nach Osteuropa aus. Hier entstand auch die religiöse Bewegung, die man Chasisidismus nennt. Ihr Grundgedanke besagt, es gebe nichts, in dem Gott nicht enthalten sei.

Durch die Anpassung an ihre neuen Heimatländer und –kulturen haben die Juden ihrem Wesen viele neue Elemente hinzugefügt. Zugleich haben sie ein subtiles religiöses Denken und eine Religionsphilosophie ausgebildet, die dem Nichtjuden nur schwer zugänglich sind. Dadurch ist es ihnen gelungen, ihre überkommenen Traditionen unberührt zu erhalten, allen Verfolgungen und Anfeindungen zum Trotz.

Die jüdische Religion ist weniger eine jenseits- als eine dieseitsbezogene. Man glaubt wohl an ein Leben nach dem Tod, aber das ist nicht das einzige Ziel des Menschen. Der Mensch muss sich nicht so sehr auf das künftige Leben vorbereiten, es ist wichtiger, dass er sich in diesem Leben von Gott leiten lässt. Leben ist Dienst an Gott und am Nächsten. Das von den Christen als für ihre Religion als typisch angesehene Gebot der Nächstenliebe – „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und von ganzer Seele und deinen Nächsten wie dich selbst“ – ist eine alttestamentarische Forderung und entspringt zutiefst dem religiösen Denken der Juden. Es geht vor allem darum, den Willen Gottes zu erkennen und zu erfüllen, wie er in der Thora (Gesetz) niedergelegt ist. Thora – das ist die in den fünf Büchern Mose enthaltene Willensäußerung Gottes. Für den gläubigen Juden erfüllt die Religion das ganze Leben, es gibt keine Trennung zwischen sakralem und profanem Bereich.

Nach der Rückkehr aus dem Exil war es zunächst zu einer Periode relativer Ruhe gekommen. Man hatte den Tempel wieder aufgebaut und ein strenges religiöses Lebenskonzept geschaffen. Dieses wurde durch die Herrschaft der Seleukiden extrem gefährdet. Es war besonders der Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes, der um 170 vor der Zeitenwende versucht, das jüdische Volk zu hellenisieren und ihm die griechische Vielgötterreligion aufzuzwingen. Er richtete im Tempel ein Zeusheiligtum ein und übte auf das Volk einen unerträglichen Druck aus. So kam es zum Aufstand unter der Führung von Judas Makkabi (der Hammer), den so genannten Makkabäerkriegen. Die Dynastie der Makkabäer herrschte bis 37 vor der Zeitenwende. In diesem Jahr wurden sie durch den volksfremden Herodes mit Hilfe Roms gestürzt. Die Herodianer regierten das Land als römische Schattenkönige bis 70 nach der Zeitenwende. Der damals missglückte Aufstand der Juden gegen die Römer führte zur Zerstörung Jerusalems mitsamt dem Tempel. Seit damals gibt es keinen Tempelkult mehr, und nur die stehen gebliebene Westwand der Umfassungsmauer des Tempelplatzes, die so genannte „Klagemauer“, dient heute frommen Juden als Ort des Gebets und der Klage um den Tempel.

Noch einmal gab es ein allerletztes Aufbäumen gegen die Fremdherrschaft unter Bar Kochba im Jahr 135. Mit dem Zusammenbruch kam es im Wesentlichen auch zu einem vorläufigen Ende des palästinensischen Judentums. Das so genannte Diasporajudentum wird zum eigentlich tragenden Element.

Aber gerade durch die Beendigung des religiösen Zentralismus kommt es zu einer neuen theologischen Blütezeit. Große Sammelwerke der jüdischen Lehre wie der Talmud entstanden in verschiedenen Akademien vor allem in Babylonien, wo sich bis zum 13. Jahrhundert ein wichtiges geistiges Zentrum des Judentums befand. In Alexandrien, wo es schon im 2. Jahrhundert vor der Zeitenwende die größte jüdische Gemeinde gegeben haben soll und wo die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, geschaffen worden war, kam es zu einer echten Synthese zwischen jüdischem und hellenistischem Denken.

Einen neuen religionsgeschichtlichen Aspekt bringen die Propheten, die nach der Reichsteilung auftreten, das Volk vor dem kommenden Unheil warnen, ihm jedoch in der Gefangenschaft tröstend und Hoffnung verheißend zur Seite stehen und schließlich den Messias ankündigen. Es ist das Verdienst der Propheten, den jüdischen Glauben von alten heidnischen Elementen gereinigt zu haben. Zur Reinigung des Glaubens trug auch die Auffindung des 5. Buches Mose (Deuteronomium = das „2.Gesetz“) bei Bauarbeiten im Tempel im Jahr 622 vor der Zeitenwende bei. Hand in Hand mit der Umformung der jüdischen Religion vom Nomaden-Henotheismus zum reinen Monotheismus geht natürlich auch die Ausbildung von Ämtern (Schriftgelehrte, Amtspriester).

Das Exil fand 538 vor der Zeitenwende mit der Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros sein Ende. Nicht alle Exilanten kehrten in die Heimat zurück. Viele blieben in Babylonien oder Ägypten oder sie wanderten in diese Länder aus. Diese außerpalästinensischen jüdischen Kolonien bildeten die Keimzellen des späteren Diasporajudentums (Diaspora = „Zerstreuung“).

Nach der Rückkehr kam es zu einer neuerlichen großen religiösen Reform. Das Volk wollte ein „heiliges“ sein, treu den Gesetzen seines Gottes. Damals begann sich das Pharisäertum zu entwickeln, das zur Zeit Jesu bis zum Extrem ausgebildet war. Es handelt sich dabei um die minuziöse Befolgung des Gesetzes, um die peinlich genaue Auslegung der einzelnen Gesetzespunkte.

Andererseits hat die persische Religion einen großen Einfluss ausgeübt, und viele der damals in die jüdische Religion eingedrungenen Elemente sind auch in das Christentum übernommen worden. Die wichtigsten dieser Elemente sind die Apokalyptik, d. h. die visionäre Schau der letzten, verborgenen Dinge, die Vorstellung von einem Weltgericht am Jüngsten Tag, die Lehre von der Auferstehung der Toten, die Lehre von der Existenz der Engel, aber auch der Dämonen – Satan als Widersacher Gottes ist ein rein persisches Glaubenselement. Je stärker die Leiden des Volkes waren, desto mehr stieg die Hoffnung auf das Kommen des Messias (Gesalbter des Herrn).

Auch war die Religion der Israeliten nicht von Anfang an eine rein monotheistische. Aus dem alttestamentlichen Befund geht klar hervor, dass man zunächst durchaus der Meinung war, es gebe neben Jahwe (dem Stamm- oder Volksgott) noch andere Gottheiten, meist ebensolche Stammes- oder Volksgötter anderer Völker. Während der reine Monotheismus im wesentlichen besagt, dass es außer dem einen Gott, an den man glaubt, keine anderen Gottheiten gibt, handelt es sich bei diesem „frühisraelitischen“ Gottesbegriff um eine Glaubensform, die man „Henotheismus“ nennt.

Nachdem Mose das Volk aus Ägypten herausgeführt hatte, einte er es unter dem „Gesetz“, einem neuen Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk. Unter seinem Nachfolger Joshua und unter den „Richtern“ (Kriegsführer, Stammesführer) eroberten die Stämme ihre späteren Siedlungsgebiete. Die geographisch-politische Lage Palästinas zwischen den Großreichen Babylon und Assyrien bzw. Ägypten brachte es mit sich, dass das Volk der Israeliten seit der Besitznahme und endgültigen Unterwerfung fortgesetzt Ziel der Eroberungspläne seiner mächtigen Nachbarn war.

Die wechsel- und leidvolle Geschichte dieses Volkes bringt auch die Ausformung seiner Religion mit sich. Einerseits wird aus dem Henotheismus ein echter Monotheismus, andererseits werden religiöse Elemente aufgenommen, die dem vormals einfachen Hirten- und Nomadenvolk ursprünglich fremd waren. Eine Zentralisierung dem Kultes trat ein, als Salomo (etwa 970-930 vor der Zeitenwende) den Tempel in Jerusalem erbauen ließ, der bis zur Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach der Zeitenwende die einzige legale Opferkultstätte war. Wenn man heute Synagogen (Versammlungs- und Gebetsstätten) „Tempel“ nennt, ist das nicht richtig, denn in den Synagogen werden nur Wortgottesdienste gefeiert. Der Opferkult war an den Tempel gebunden und hat nach dessen Zerstörung aufgehört.

Die Regierungszeit König Salomos ist die Blütezeit und die Ära der größten politischen Macht des Reiches. Bald nach seinem Tod kam es zur Reichsteilung in einen südlichen Rumpfstaat (Juda) und in das Nordreich (Zehnstämmereich – Israel, später Galiläa). 722/21 vor der Zeitenwende erobern die Assyrer das Nordreich und verschleppen die Bevölkerung. Das Südreich hält sich noch bis 596 vor der Zeitenwende. In diesem Jahr erobert König Nebukadnezar Juda und führt das Volk in die „babylonische Gefangenschaft“.

In den meisten Schilderungen der jüdischen Religionsgeschichte wird mit dem „Religionsstifter“ Mose begonnen. Tatsächlich reichen die Wurzeln der jüdischen Religion viel weiter zurück. Wenn man den Grundgedanken, dass die Religionsgeschichte der Israeliten zugleich die Geschichte des Wirkens Gottes an seinem Volk ist, konsequent verfolgt, so könnte man mit der Erschaffung der Welt beginnen und in der „Urgeschichte“ des Alten Testaments, das ja nicht nur Heilige Schrift, sondern auch Geschichts- und Gesetzesbuch ist, das ständige Eingreifen Gottes in die Geschichte der Menschheit verfolgen. Es handelt sich um den sich immer mehr verdichtenden Aufbau eines Bundes, den Gott mit ganz bestimmten Menschen, Sippen und Stämmen schließt, mit seinem ständigen Versprechen, den Bund zu halten und die Nachkommen seiner Bundesgenossen zu mehren. Zugleich handelt die Geschichte vom wiederholten Bruch des Bundes seitens der Menschen, von ihrem Ungehorsam.

Die erste Manifestation jenes Gottes, der um 1250 vor der Zeitenwende dem Mose die Gesetze gibt, beginnt mit dem Schöpfungsakt. Er schließt einen Bund mit Noah, das Zeichen des Bundes ist der Regenbogen. Bei den Patriarchen (Abraham, Isaak, Jakob) finden wir ihn als Sippen- und Stammesgott. Als solcher begleitet er Jakob (Israel) und seine zwölf Söhne (die Stammväter der zwölf Stämme Israels) ins ägyptische Vorland, von wo Mose das „Volk“ herausführt und nach Kanaan, in das verheißene (gelobte) Land, zurückbringt. Bei diesem „Volk“ handelte es ich nicht um eine ethnische oder religiöse Einheit, sondern um mehrere semitische Stämme, die unter der Führung des Mose und unter dem Gesetz Gottes zu einem Volk wurden.