Aus Geschichte und Lehre

Der Begründer des Buddhismus ist Siddharta Gautama (563-483 v. Chr.) Er hat keine Schriften hinterlassen. Seine Reden und seine Lebensgeschichte wurden mündlich überliefert und erst Jahrhunderte nach seinem Tod aufgezeichnet. Siddharta Gautama war der Sohn eines Radschas, der über ein kleines Reich nördlich der heutigen Grenze zwischen Indien und Nepal herrschte. Der Knabe wurde im Palast seines Vaters als Prinz und Kronerbe aufgezogen. Er war hochbegabt, bildete sich in den alten Schriften der Brahmanen und führte ein behütetes Leben in größtem Luxus. Sein Glück schien vollkommen.

Eines Tages änderte sich sein Leben mit einem Schlag. Außerhalb der Mauern seines Palastes sah er einen hilflosen alten Mann, einen Kranken, einen Toten und einen Asketen. Der junge, verwöhnte Prinz war entsetzt. War dies das Ziel des Lebens? Was war die Quelle menschlichen Leidens? Es war ihm aber aufgefallen, dass das Gesicht des Asketen den Ausdruck tiefen Friedens getragen hatte. Der Prinz verließ seine Familie und sein bisheriges luxuriöses Leben und versuchte dem Sinn des Lebens auf die Spur zu kommen. Zunächst studierte er bei zwei berühmten Lehrern die heiligen Schriften Indiens.

Dann schloss er sich fünf Wandermönchen (Asketen) an und übte sich in Selbstkasteiung. Schließlich wanderte er allein weiter, bis er nahe der heutigen Ortschaft Bodh Gaja die Ufer eines klaren Flusses erreichte. Nach einem erfrischenden Bad nahm er von einem Bauernmädchen eine Schale gesüßten Reis an. Er war zur Einsicht gelangt, dass alle Extreme – sei es nun Völlerei oder Fasten – gleichermaßen schädlich sind. Er beschloss, in allem den „mittleren Weg“ zu gehen.

Sechs Jahre nach seinem Aufbruch hatte Siddharta unter einem Feigenbaum, den man später „Bodhi-Baum“ (Baum der Erkenntnis) nannte, seine große Erleuchtung. Sieben Tage und Nächte war er im Lotossitz unter dem Baum gesessen. Mara, der Böse, versuchte ihn. In dem symbolischen Kampf siegte Siddharta über das Böse. Dies ist wohl eine Legende. Tatsächlich war er durch eine schwere persönliche Krise gegangen. Sie bedeutete aber das Ende der Suche. Siddharta hatte das Licht gesehen und hieß von da an Buddha (der Erleuchtete, der Erwachte).

Buddha trug seine neue Erkenntnis nach Benares und stieß dort auf die fünf Asketen. Sie wurden seine ersten Jünger. Er zog durch das nordöstliche Indien, erläuterte in Predigten seine Lehre und bekehrte Tausende. Seine Anhänger verehrten ihn als „das lebende Licht“. Nun gingen seine als Mönche lebenden Anhänger auf Predigtreisen und kehrten mit Scharen von Novizen zurück.

Die Bruderschaft der Buddha-Mönche war ähnlich organisiert wie später die Bettelorden Europas. Um die Mönche entwickelte sich eine Gemeinschaft buddhistischer Laien, die es den Mönchen durch materielle Zuwendungen ermöglichten, so zu leben, wie es sie der Erleuchtete gelehrt hatte.

Buddha starb im Alter von 80 Jahren. In den Mönchs- und Nonnenklöstern entwickelte sich bald ein Buddhakult. Bereits 477 v. Chr. trat ein erstes Konzil unter der Leitung von Buddhas Lieblingsschüler Ananda zusammen, um Lehrreden und Überlieferungen des Meisters zu einem allgemein anerkannten Kanon zu ordnen und aufgekommene Streitigkeiten über einzelne Lehren zu schlichten. Ein zweites großes Konzil tagte 377 v. Chr., ein drittes berief Kaiser Aschoka 245 v. Chr. ein. Obwohl auf diesen Konzilen die wichtigsten Fragen geklärt werden konnten, wurde die Einheit aller Buddhisten doch nie wieder hergestellt.

Die Spaltung in verschiedene Schulen blieb bestehen.

In seiner Urheimat Indien war der Buddhismus durch Kaiser Aschoka (273-233 v. Chr.) sehr gefördert worden und verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten nach Tibet, Hinterindien, Thailand, dem Malaiischen Archipel, China und Japan. Während der Buddhismus dies Länder kulturell entscheidend durchdringen konnte, ist er in seiner eigentlichen Heimat, Indien, fast völlig verschwunden.

Obwohl der Buddhismus gewöhnlich als eine Religion bezeichnet wird, ist er doch im wesentlichen eine Methode der Geistesschulung, die auf Läuterung, Entfaltung und innere Befreiung des menschlichen Bewusstseins abzielt. Gewiss hat auch der Buddhismus einige jener äußeren Merkmale, die man gewöhnlich mit dem Wort „Religion“ verbindet: er hat Verehrungsformen, ein Mönchstum und eine Sittenlehre. Doch der Buddhismus ist nicht theistisch, denn er lehrt, dass das Weltall nicht von einem Schöpfergott, sondern von einer immanenten Gesetzmäßigkeit gelenkt wird. Deshalb kennt der Buddhismus keine Gebete, ist doch der Buddha weder ein Gott noch der Prophet eines Gottes, sondern der große und weise Lehrer einer auf Leidbefreiung abzielenden Geistesschulung.

Der Buddhismus ist also keine Religion im üblichen Sinne, denn er kennt Glauben oder Gläubigkeit nur im Sinne eines begründeten Vertrauens, nämlich in den vom Buddha gewiesenen Weg der Leidbefreiung. So wird von einem Buddhisten nicht erwartet, dass er etwas gläubig hinnehme, nur weil es sein Meister, der Buddha, sagte weil es in alten Büchern steht, mit der Tradition übereinstimmt oder bloß weil so viele andere daran glauben. In der Buddha-Lehre wird blinder Glaube weder verlangt noch kann er helfen.

Die Buddha-Lehre ist ein auf umfassender Geistesschulung beruhender Lebensweg. Sein einziges Endziel ist nicht etwa eine himmlische Existenz, sondern die vollkommene und endgültige Befreiung vom Leiden durch Erreichen eines leidlosen Zustandes, der gewöhnlich Nirwana genannt wird. Es ist das unmittelbare Ziel dieser Lehre, die im eigenen Geist weit verzweigte und tief reichende Verwurzelung von Gier, Hass und Verblendung zunehmend zu schwächen und zu reduzieren, bis zu ihrer völligen Vertilgung.

In den buddhistischen Texten heißt es, dass Geburt, Alter, Krankheit und Sterben Leiden sind; aber es wird auch gesagt, dass das, was man gemeinhin Glück nennt, ebenfalls leidvoll ist.

Der Weg zur Leidbefreiung ist der edle achtfache Pfad. Die acht Glieder dieses Pfades sind:

Rechte Erkenntnis: das Wissen von der wahren Natur der Existenz;

Rechte Gesinnung: frei von Sinnlichkeit, Übelwollen und Grausamkeit;

Rechte Rede: frei von Lüge, Zwischenträgerei, Grobheit und Leerem Geschwätz;

Rechtes Handeln: durch Abstehen vom Töten, von Diebstahl und Ehebruch;

Rechter Lebensunterhalt: durch den kein Lebewesen geschädigt wird;

Rechte Anstrengung: um unheilsame Geisteszustände zu vermeiden oder zu überwinden sowie heilsame zu erwecken oder zu stärken;

Rechte Achtsamkeit: die Ausbildung von Besonnenheit und Bewusstseinsklarheit bei allen körperlichen und geistigen Betätigungen;

Rechte Sammlung: die Pflege geistiger Sammlung und Vertiefung durch Meditation.

 

Der achtfache Pfad enthält nichts, was man gewöhnlich als „religiös“ bezeichnet. Er ist vielmehr eine realistische, gut durchdachte Lebens- und Geistesschule, die alle wichtigen Aspekte einbezieht und für jeden zugänglich und hilfreich ist.

Nach buddhistischer Erkenntnis ist der Tod gleichbedeutend mit Verwandlung, so wie alles, was existiert, einem ständigen Wandel unterworfen ist. Der Tod aller Lebewesen ist ein sich Auflösen dessen, was für die Dauer der Erscheinung zusammengefügt war; ein Zurückkehren zum Ursprung, um einige Zeit später als Form (lebendes Wesen) wieder in Erscheinung zu treten.

Für den Menschen ist sein Leben von großer Bedeutung, weil er in diesem Zeitabschnitt durch Schulung – Befolgen der Buddha-Lehre – die Möglichkeit hat, das Nirwana zu erreichen und somit den Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu lösen.