Mama nicht während des Sterbens begleitet

  • Ich mache mir seit über einem Jahr Vorwürfe das ich meine Mama nicht in den Tod begleitet habe.

    Meine Mama ist Karfreitag 2018 ins KH gekommen weil sie allgemein nicht gut dran war. Sie nahm stark ab, klagte über ständige Müdigkeit sowie Schwindel. Nach 5 Tagen dann die Diagnose Lungenkrebs im Endstadium. Sie hatte schon Metastasen im Gehirn sowie der Speiseröhre.

    Sie lehnte eine Chemo ab und wollte ohne Schmerzen gehen. Sie kam dann auf die Palliativstation wo ich sie jeden Tag besuchte.

    Ich war zu dem Zeitpunkt in der 28. Woche schwanger. Nach 3 Wochen musste ich selbst ins KH aufgrund einer Plazentainsuffiziens. Also lag ich gemeinsam mit meiner Mama im gleichen Krankenhaus.


    Als ich dann an am 21.05.2018 wie jeden Morgen zum CTG musste rief mich die Palliativstation an und sagte es würde meiner Mama schlechter gehen. Ich rief umgehend meinen Mann an der sofort zu meiner Mama gegangen ist. Hier wartete der Arzt mit der Bitte eine terminale Sedierung machen zu dürfen. Er bekam die Erlaubnis und sagte das meine Mama nun im sterben liegt und man nicht sagen könne wie lange es dauert bis der Tod eintritt. Mein Mann kam zurück zu mir um mir das zu erzählen und in dieser Zeit ging meine Mama.

    Dabei wollte sie doch wenigstens einmal ihren Enkel im Arm halten.


    Ich hatte so eine furchtbare Angst nochmal zu meiner Mama zu gehen, sie in den Tod zu begleiten. Ich habe es nicht geschafft. Auch hatte ich Angst um mein Kind. Mittlerweile war ich dann in der 32. SSW.

    Ich mache mir bis heute schreckliche Vorwürfe das ich nicht bei ihr war und sie alleine starb.

    Meine Mama und ich hatten ein ganz besonderes Verhältnis. Wir verstanden uns ohne Worte und waren immer für uns gegenseitig da.


    2 Wochen nach dem Tod meiner Mama wäre ich fast gemeinsam mit meinem Sohn an einer Schwangerschaftsvergiftung gestorben. Nur durch Zufall und Dank eines Notkaiserschnitts haben wir überlebt.


    Geht es auch anderen Menschen so die Angst haben einen sterbenden zu begleiten?

    Ich empfinde keinerlei Freude mehr seit dem das passiert ist und ich kann meiner Mama nicht mehr sagen wie leid es mir tut. :(

  • Hallo Nina

    Es geht sicher auch anderen Menschen so, die sich Vorwürfe machen, weil in den letzten Tagen eines geliebten Menschen etwas nicht so gelaufen ist, wie man es im Nachhinein sich nun wünscht.

    Hätte ich doch...

    Den Sterbeprozess meiner Mutter vor zwei Monaten hätte ich ebenfalls im Nachhinein anders begleiten wollen. Sie hatte oder wollte nicht realisieren, wie unheilbar und endgültig ihre Krankheit war, während alleAngehörigen wussten, dass sie nur noch wenige Tage hatte. Und so starb sie schließlich, zwar in meinen Armen, aber im Glauben wieder zu gesunden. Dies verhinderte eine bewusste Verabschiedung. Was blieb sind Vorwürfe. Hätte ich es ihr nicht klar machen müssen? Hätte..

    Jetzt ist sie weg. Nur noch Asche. Ich habe keinen Glauben, dass sie mich, in welcher Form auch immer, noch weiterhin begleitet. Vorwürfe machen damit keinen Sinn mehr. Nur sie könnte mir das Verhalten vorwerfen. Mir selbst nun das Leben noch schwerer zu machen und mich damit zu quälen, hätte ich doch.., bringt niemandem mehr etwas.

    Wenn Du zeitlebens ein gutes Verhältnis zu dem Verstorbenen gelebt hast, ist das entscheidend. Nicht die letzten Tage. Zeitlebens!

    Diese Erkenntnis hilft mir, die verbliebenen Vorwürfe nicht mehr wichtig zu nehmen.

    Ich wünsche Dir auch Brücken, die Dich wieder ins Leben zurückfinden lassen. Hoffentlich finde ich selbst noch weitere.

  • Danke dir für diese Worte, Nicholas. Zeitlebens. Das sollte ich mir öfters ins Gedächtnis rufen.


    Liebe Nina. Es tut mir leid, dass du deine Mutter gehen lassen musstest. Ich finde den Gedanken von Nicholas sehr schön. Ich verstehe deine Schuldgefühle und die Ängste um dein Kind. So gegensätzliche Gefühle in sich zu spüren ist furchtbar. Deine Mama ist gegangen, als ihr Schwiegersohn zu ihrer Tochter gegangen ist. Vielleicht war es auch eine bewusste Entscheidung von ihr. Ich war bei dem Tod meines Papas dabei. Meine Mama hat zu ihm gesagt, ich komme gleich wieder, ich geh nur kurz eine Rauchen. Das waren keine fünf Minuten. In dem Moment ist er gegangen. Ach ich weiß auch nicht. Im Nachhinein denke ich auch hätte, hätte. Aber mein Gefühlszustand hat es nicht zugelassen. Gestorben ist er 13 Tage vor der Geburt seines Enkelkindes.

  • Ich danke euch für die Antworten.


    Mama und ich hatten zeitlebens ein super Verhältnis. Wir haben uns wortlos verstanden und waren immer für den Anderen da. Auch als sie krank wurde war ich immer da. Manche sagen unser Verhältnis wäre etwas besonders gewesen.

    Meine Mama hat sich m KH sogar noch Vorwürfe gemacht und sagte: Wenn ich nicht krank wäre und hier liegen müsste, könnte ich für dich da sein! Oder es kam auch: Ich möchte einfach sterben damit es dir und dem kleinen gut geht und dir nichts passiert.

    Sie hat gesehen das ich leide und das wollte sie nicht. Sie dachte,je mehr Gedanken ich mir mache desto schlechter geht es mir und ihrem Enkel würde noch etwas passieren.


    Ich glaube ihr habt in gewisser Weise recht und so habe ich das ganze noch nicht gesehen.


    Nicolas: Von mir mein Beileid. Ich bin schon froh das ich meinen Sohn habe. Er hilft mir über vieles hinweg. Wäre er nicht wärebich an dem Zod meiner Mutter zerbrochen. Trotzdem fehlt sie immer und überall.


    Efi85: "Deine Mama ist gegangen als ihr Schwiegersohn zu ihrer Tochter gegangen ist." Auch so habe ich es noch nicht gesehen. Danke für die Sichtweise. Vielleicht sollte es alles so sein. Mama wusste wie schwer mir das alles fällt...

    Ich mache mir ständig nur Vorwürfe das ich nicht sofort mit meinem Mann zu ihr gegangen bin. Aber mein Mann sagt auch immer wieder das der Anblick schrecklich war und er erzählt mir auch nicht was er da gesehen hat. Er sagt nur immer wieder das ich "froh" sein soll das ich das nicht sehen musste. Aber bei Lungenkrebs kann man sich ja denken was er sah.

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