zwiespältige Gefühle

  • meine mutter starb am 11.09.2019 mit 81 jahren.

    sie war eine sehr selbstbewusste person mit starkem freiheitswillen, sehr dominant und einer ausgeprägten rezistenz gegenüber ratschlägen.


    ihre finale krankengeschichte begann im dezember 2018.

    zuerst blasenentzündung seit anfang dezember 2018,

    dann tagespflege im januar 2019 wegen ihres sich etwas verschlechternden allgemeinzustandes.

    sie bekam während der tagespflege dicke füsse - im nachhinein ohne weitere auswirkungen -

    und wurde stationär aufgenommen über das wochenende "wegen der dicken füsse".


    sie rastete dann wegen der aufnahme übers wochenende auf der station jedoch vollständig aus.

    sie wurde fixiert für 3 tage wegen gewaltausbrüchen gegenüber ärzten und personal.

    diagnose war jetzt demenz.

    - sie wurde etwas vergesslicher zuvor, aber bewältigte ihren alltag vollständig autark.

    z.bsp. auch ihren eigenen umzug sommer 2018 in "betreutes wohnen"... naja. -


    ihr leben änderte sich jetzt radikal. sie kam nie mehr nach hause.

    war zuerst 4 wochen stationär.

    dann bezirkskrankenhaus.

    dann kurzzeitpflege in einem pflegeheim mit evtl. übernahme meiner mutter.

    das pflegeheim lehnte nach drei wochen ab.

    zu schwieriger fall.

    sie war immer noch agressiv. ihr zustand körperlicher art verschlechterte sich ebenfalls rasant.

    sie begann trotzdem nachts aufzustehen. stürzte mehrfach. ohne folgeschäden.

    war agressiv gegen andere heimbewohner.

    kam wieder ins bezirkskrankenhaus.

    stürzte wieder mehrfach. wurde deswegen wieder fixiert.

    selbst wenn ich überhaupt die räumliche möglichkeit gehabt hätte, sie nach hause zu holen.

    das hätte ich nie geschafft. ich bin allein und berufstätig.

    sie baute jetzt auch körperlich schnell ab und sass ab juni im rollstuhl.

    ihr mentaler zustand verschlechterte sich ebenso dramatisch.

    sie dämmerte oftmals nur noch dahin.


    und jetzt kommt aber der grund, weswegen diese geschichte leider zu lang ausfiel, aber ich sie erwähnen musste.

    es gab immer wieder phasen, in welcher sie wirkte, als sei sie vollständig gesund.

    und sie wusste dann genau, in welcher lebenssituation sie war.

    und sie sagte dann immer - "so" will sie nicht weiter leben.

    nicht generell, sondern "so".

    dann kam das übliche, weil auch das pflegeheim an personalmangel leidet.

    kleine erkältung, plötzlich bronchitis, ich zu spät gemerkt, dass es nicht nur das ende einer normalen erkältung war, dann erbrochen, lungenentzündung,

    erneute blaseninfektion, nicht mehr ansprechbar und tod binnen 9 tage.


    und ich betete, dass sie stirbt, während sie das bewusstsein verlor.

    und ich weiss, dass sie immer noch leben wollte. nur nicht "so".

    sie hatte immer noch freude. ich ging mit ihr immer mit dem rollstuhl für stunden in eine kleinstadt, ins cafe, in die parfümerie usw..

    und ich weiss nicht, wie "wir" es ihr anders hätten machen können.

    denn wir waren zum schluss zu dritt, um ihr beistand zu geben.

    gott sei dank.

    aber doch war ich froh. obwohl sie immer noch freude hatte.

    aber wenn ich in die zukunft sah, war dort keine hoffnung mehr.


    und irgend wie alles, was ich dachte, wurde über den haufen geworfen.

    und ich war es, der die entscheidung traf im krankenhaus, als die frage war,

    nochmal ein anders antibiotikum oder umstellung auf morphium?

    ich war es, der meiner mutter dadurch auch die lebenswerten momente nahm. denn ich sagte - genug.

    "so" geht das nicht weiter. es war nicht nur ihr zustand sondern der absehbare ablauf ihres verfalles.


    ich war es trotzdem. denn ich dachte auch darüber nach, wie das weiter gehen soll mit mir selber.

    ich begann zu schwächeln.

    ich dachte nicht nur an meine mutter.

    auch wenn es klar ist, dass die frage der ärzte ja nur stellbar war, weil es ernst war.


    - sie starb leider auch alleine. obwohl wir zu dritt fast rund um die uhr anwesend waren.

    aber sie bekam so viel morphium, dass der eigentliche tod sich nicht mehr so ankündigt.

    ob sie uns bemerkt hat? bei soviel morphium? -


    warum ich das schreibe? ich weiss es auch nicht so richtig.

    mir waren die wenigen momente des glücks nicht mehr so wichtig, wie die ständig länger werdenden momente eines zustandes,

    den sie selber nicht wollte.

    aber sie mochte trotzdem noch gerne zitroneneis.

    es geht nicht um die umstellung auf morphium. die war eher unabwendbar,

    sondern darum, dass ich wollte, dass es vorbei ist.

    dass sie nicht mehr ist. obwohl sie gerne noch parfüm ausprobierte.


    ich glaube mein urvertrauen wurde angeknackst.

  • Lieber Joachim

    Ich bin neu im Forum, habe meine Mutter ebenfalls gerade verloren und kämpfe gegen Schwermut. Dann las ich Deine Zeilen und erkannte auch meine Situation darin wieder.

    Nur kurz: Meine Mutter war mit 87 geistig sehr und körperlich noch relativ fit. Sie bekam im August nach einer Lungenentzündung die Diagnose akute Leukämie mit der Aussicht, nur noch wenige Tage zu leben. Als die Antibiotika für die Lungenentzündung nach weiteren 4 Tagen ausliefen, war klar, jetzt kann es sehr schnell gehen. Die Entscheidung gegen weitere Antibiotika war unumgänglich, hätte ein Sichtum zur Folge gehabt. Dennoch hat meine Mutter die Situation nicht realisiert und mitentscheiden wollen. Sie gab mir voller Vertrauen alles in die Hände. Nach einem Tag nur kam Wasser in die Lunge und sie tat sich mir der Atmung schwer. Abends schließlich bat ich die Schwester um eine beruhigende Spritze, sprich Morphium. Meine Mutter, geistig noch voll da, schaute mich mit großen Augen vertrauensvoll an, während sie die Spritze erhielt. Wir wünschten uns eine gute Nacht, ich wartete bis sie einschlief.

    Sie wachte nicht mehr auf und starb in meinem Beisein am nächsten Morgen.

    Die Entscheidung über ihr Leben hat sie mir überlassen. Ich habe sie einschläfern lassen, diese Interpretation geht mir nicht aus dem Kopf. Ihr Urvertrauen missbraucht? Leider konnte ich mit ihr den nahenden Tod nicht besprechen, sie verdrängte oder überriss die Situation nicht. Ich ließ ihr ihre Hoffnung auf Genesung.

    Wie Du vielleicht merkst, Joachim, ähnliche Gefühle, die mich quälen.

    Mir tut es gut darüber zu reden/schreiben und zu lesen, wie andere denken.

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