Vater verloren

  • Hallo,


    vor ein paar Wochen habe ich dieses Forum entdeckt. Vielleicht hilft es mir, hier zu schreiben.


    Ich habe vor vier Wochen meinen Vater verloren. Er war schon viele,viele Jahre krank. Immer kam was neues hinzu. Er hat sich immer zurück ins Leben gekämpft. Zuletzt hat er seine Patientenverfügung geändert, er wolle Leben. Letzten Endes ist er an keiner seiner Krankheiten gestorben, sondern an einem Keim aus dem Krankenhaus, der sich in einem Zugang festgesetzt hat. Ich war dabei, als er gegangen ist. Ich bin traurig. Meine Mutter ist sehr traurig. Ihr Leben lang hatte sie wen an der Seite. Ich wohne mit dem Auto eine Stunde weg.


    Immer wieder kommen fragen auf, vor allem nachts, warum habe ich so weit weg gewohnt. Hätte ich nicht öfters da sein müssen? Ich habe mich bemüht, im Studium wöchentlich, später mit Kind alle zwei Wochen da zu sein. Aber helfen konnte ich nicht in der schwersten Zeit, nur anwesend sein. Mir tut das so leid. So vieles tut mir leid.


    Immer wenn ich traurig bin, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, antworte ich "gut". Die letzten Wochen haben mich gelehrt, ein "schlecht"wird nicht verstanden. Ich müsse stark sein. Ich habe meinen Papa verloren, da war ich hochschwanger mit dem zweiten Kind. Er wollte es noch so gerne sehen. Er hat es nicht geschafft. Es kam eine Woche später. Egal welche Gefühle, ich schäme mich. Ich war im Krankenhaus, komme nach Hause, und hatte vergessen, dass er tot ist. Wenn ich mich über das Kind freue, habe ich ein schlechtes Gewissen. Weine ich vor meinen Kindern, auch. Es ist so schwer, zu akzeptieren, dass beide Gefühle Ok sind. Dass mein Papa bestimmt nicht wollte, dass es so kommt. Die Neugeborenenzeit ist so kurz, er wollte bestimmt nicht, dass ich so traurig bin. Aber verdrängen führt nur dazu, dass ich Nachts wach liege.


    Ich glaube nicht. Trost spendet mir, wenn ich unser Familiengrab pflege. Es erinnert mich an Zeiten im Garten. Ich erinnere mich, dass er neben seiner Mutter liegen wollte. Ihm damals für seine Mutter Eiche ausgesucht hat. Was er sonst wollte, ich hab es vergessen. Weggeschmissen, als er die Verfügung vom letzten Jahr geändert hat.


    Ich habe nichts tun können für ihn. Ich konnte dafür sorgen, dass Papa neben seine Mutter kommt. Dass Platz für meine Mama ist und auch meine Familie, Mann und ich, auf die alten Gräber dürfen, wenn es soweit kommt. Da waren wir gleich.


    Ich könnte ewig weiterschreiben. Mein Mann und der Große kommen gleich. Das Baby wird gleich wach. Dann bin ich wieder in der "Babyblase". Es tat gut, sich Mal mitteilen zu dürfen. Danke

  • Übermorgen ist mein Papa zwei Monate tot. Diese Woche war, nachdem die letzten schon fast normal waren, schwer für mich. Ganz banale Sachen haben mich aus der Bahn geworfen. Meine Tochter ist sechs Wochen und hat furchtbar im Auto geweint. Ich habe ihr eine Melodie vorgesungen. Bis mir eingefallen ist, dass mein Vater dieses immer im Sommer im Garten gehört hat. Oder das aufschreiben eines Rezeptes meiner Mama, oder das Suppe kochen wie wir es Zuhause immer gemacht haben. Mein Sohn sagt oft, dass Oma traurig ist, weil Opa nicht da ist, oder dass Mama traurig ist. Er versucht mich zu trösten und es tut mir leid, dass ein 2,5 jähriger dies mitbekommt. Er fragt immer wann wir wieder in das Krankenhaus können. Er weiß auch, wo Opa auf dem Friedhof liegt und dass seine Eltern bei ihm sind. Er versteht trotzdem nicht, dass Opa nicht wieder kommt.

    Ich denke oft, an die guten Zeiten. Ich bin traurig, wenn ich Großeltern sehe, die mit im Urlaub sind. Ich denke oft an die letzten Wochen. Die letzten Monate waren schwierig. Wir haben uns öfter gestritten. Heute weiß ich, er war einfach krank, schwach und müde. Wenn ich an das Wochenende denke, vor seinem Tod, erinner ich mich nicht, was wir gesprochen haben. Ich weiß, er hatte untypischer Weise Hunger. Er hat bis auf Kakao nichts mehr zu sich genommen. Aber zwei Teller Bratkartoffeln habe ich ihm gemacht. Meine Portion habe ich in der Küche zu mir genommen bei meinem Kind. Es tut mir so leid, dass er alleine essen musste. Warum hab ich nicht da gegessen? Zwei Kännchen Kakao hab ich ihm gemacht. Samstag wollten wir nach Hause fahren. Papa hat mich, wie immer gebeten zu bleiben. Aber wir waren Sonntag mit Freunden verabredet. Ich wollte übernächste oder nächste Woche wieder kommen. Wusste er was? Am Montag hat mir meine Schwester gesagt, ihm ginge es irgendwie nicht gut. Mittwoch ist er im Krankenhaus geblieben. Erst Freitag bin ich zu ihm. Erst da wusste ich, dass es schlimmer war als sonst. Aber auch da habe ich gedacht, er packt es wie immer.


    Heute war ich am Briefkasten. Ein Brief meiner Arbeitskollegen. Ich hab mich gefragt, wer verschickt bitte eine so dunkle Glückwunschkarte zur Geburt? Ich muss sagen ich habe mich gefreut. Bisher hatte ich immer das Gefühl, dass jeder erwartet wie Glücklich ich bin. Es fragt jeder wie es läuft, niemand wie es mir geht. Irgendwie vergisst jeder, dass ich gleichzeitig meinen Papa verloren habe. Meine Kollegen haben mir eine Beileidskarte geschickt und ich habe mich wirklich gefreut darüber.

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