Die Zeit heilt nicht alle Wunden

  • Hallo liebe Forumsmitglieder!


    Ich bin hier, weil ich Hilfe brauche und nicht weiss, an wen ich mich wenden soll. Ich bin mir bewusst, dass jeder hier eine unglaubliche Extremsituation zu bewaeltigen hat und ich moechte niemandem zur Last fallen. Gleichzeitig habe ich die Hoffnung, dass hier vielleicht zufaellig jemand ist, von dessen Erfahrung ich etwas lernen und etwas mitnehmen kann. Vielleicht koennen wir sogar Erfahrungen teilen. Ich weiss nicht wohin das fuehren soll, also fange ich einfach mal an:


    2009, also vor einer ganzen Dekade, ist meine Mutter verstorben. Unerwartet an einem Schlaganfall, mit 51, viel viel zu frueh. Damals war ich gerade 16 geworden und war mit Abstand die juengste Person in unserer Familie. Es gibt wenige Dinge, die schlimmer sind, als seinen Vater weinen zu sehen, und in genau diesem Moment in unsere Kueche, noch vor der Beerdigung, habe ich entschieden: „Ich trage uns beide. Ich lass dich nicht alleine. Ich schaffe das fuer uns.“

    Er hat seither Trost im Alkohol und vielen Frauen gefunden und obschon ich sehe, dass das kein gesunder Lebenswandel ist (und der Verlust seiner Frau ein anderer ist als der meiner Mutter), hat er sehr klar gemacht, dass wenn vielleicht auch nicht gluecklich, er zufrieden ist mit seinem Leben. Vielleicht ist es der Alkoholismus, oder auch einfach seine inhaerente Unfaehigkeit die Vergangenheit klar zu sehen (weil sie schmerzhaft ist und er muesste sich eigenes Versagen als Vater eingestehen), aber es ist ihm unmoeglich wenigstens anzuerkennen, was passiert ist. Ich will nicht arrogant sein, aber ein einfaches „Danke“ wuerde mir so viel bedeuten. Mittlerweile habe ich meinen Frieden geschlossen damit, dass wir verschiedenes erinnern und unterschiedlich damit umgehen und er keine Dankbarkeit zeigen kann fuer etwas, das er so nicht erinnert.


    Eine universelle Erfahrung, die wir alle machen, wenn wir aufwachsen, ist, dass wir unsere Eltern ausserhalb ihrer Elternrolle kennen lernen – fuer die Person, die sie sind; mit allen Staerken und Limitationen. Meine Mutter habe ich nie als Person kennen lernen koennen.


    Vielleicht liegt genau hier der Schuh begraben: Meine Mutter war schwer psychisch krank, verbittert und zu narzizisstisch, um jemals Introspektion zu zulassen. Zutiefst ungleucklich und gleichzeitig immer im Recht. Sowohl mein Halbbruder (15 Jahre aelter als ich), wie auch mein Vater und andere Familienangehoerigen haben stark unter ihr gelitten. Als ihre einzige Tochter hatten wir ein „besonderes“ Verhaeltnis und ich bezahle jeden Tag fuer ihre Fehler. Teilweise begangen aus Unwissenheit, groesstenteils jedoch auch aus Boesartigkeit. Als Powertrip.


    Und dann komme ich eines Tages nach hause. „Deine Mutter hatte einen Schwaecheanfall.“. Da war zu viel Stille, ich frage nach :“Sie hatte einen Schlaganfall.“

    Bei unserer letzten Begegnung lag sie im Krankenhaus auf der Schlaganfallstation, alle anderen Patienten mindestens 20 Jahre aelter. Halb gelaehmt und unfaehig zu sprechen, veraengstigt und weinend. Meine letzten Worte zu ihr waren: „Ich hab dich lieb und ich komme bald wieder.“ Jedes einzelne Wort kam von Herzen. Wir haben uns nie wieder gesehen. Drei Tage spaeter war sie hirntod. Und ploetzlich sitze ich in ihrer Beerdigung. Mittlerweile kann ich den Grabstein besuchen.


    Vor drei Jahren hatten mein Vater und ich eine gemeinsame Sitzung mit meinem Psychologen. „Ich habe mich gefragt, wann du mal anfaengst zu trauern.“ Am liebsten haette ich ihm eine gescheuert. Wie soll ein Kind, das alle familiaere Verantwortung auf sich nehmen muss, weil du alle Hilfe ablehnst, und ich darauf verzichtet habe zu trauern, damit du weiter kommen kannst in deinem Leben und subsequent auf mich herabschauen kannst, wann wie wo haette ich denn trauern sollen? Koennen? Wie denn?


    Gerade im Angesicht dessen, dass die Gefuehle gegenueber meiner Mutter ambivalent waren und sind, weil sie nicht nur meine Mutter, sondern auch mein groesster und maechtgster „Missbraucher“ war? Und jetzt ist es mein Fehler, dass ich das nicht von mir aus habe regeln koennen?

    Rhetorische Frage, denn jetzt bin ich 26 und es ist ganz allein mein Fehler, dass die Vergangenheit meine Gegenwart beeinflusst. Die Zeit, in der Mitmenschen Mitleid zeigen, ist begrenzt. Egal, wo du persoenlich stehst, es wird einfach erwartet, dass das abgehakt ist.


    Und hier moechte ich das Forum um Hilfe bitten: Es ist nicht abgehakt. Meine Mutter hat ungerechtfertig viel Einfluss auf mich als Person und auf meine Entscheidungsfindung. Nicht meine Entscheidungen, dass bin alles ich, aber ich luegte, wuerde ich nicht anerkennen, dass sie weiterlebt in mir. Nicht als die Mutterfigur, die mir auch fehlt. Mit der ich gerne reden wuerde manchmal, die ich vermisse, mit der ich Erfolge feiern und die schoenen Momente teilen moechte.

    Sondern auch all ihr schlechter Einfluss, ihr Hass, ihre Misshandlungen und ihr eigenes Leid.

    All das ist am Leben geblieben und hindert mich daran, sie endlich als Person zu sehen und mich endlich unabhaengig von ihr als eigene Person zu sehen und ihr ein Stueck weit auch zu vergeben. Sie steht mir im Weg, auch 10 Jahre nach ihrem Tod. So unfassbar das klingt und so traurig das auch sein mag.


    Trauern und Vergebung – das sind die Themenkreise, die mich beschaeftigen und ich weiss nicht weiter. Ohne ihren Tod zu betrauern, sie aktiv „zu Grabe zu legen“, kann ich sie einfach nicht gehen lassen. Und sie kann nicht bei mir bleiben. Ich habe lange mit der Idee von Vergebung gehadert, in dem Sinne „Du hast mir so viel Leid angetan, du hast mich so kaputt gemacht, du verdienst meine Vergebung nicht.“ Aber ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass das eine ohne das andere nicht moeglich ist.


    Ich hoffe niemandem in diesem Forum zu nahe zu treten bzw. euren persoenlichen Weg zu sabotieren, nichts laege mir ferner. Aber falls da draussen jemand ist, der eine aehnlich ambivalent aufgeladene Situation durchlebt/ durchlebt hat und vielleicht auch nur einen guten Rat hat, ich bin fuer alle Antworten dankbar.


    Ich wuensche euch allen viel viel Kraft.


    Liebe Gruesse, Annalia

  • Hi. Annalia. Ich denk vergeben tust du in erster Linie für dich. Für deine Freiheit. Wenn die Zeit reif ist dann wirst du es können. Schreib einen Brief an deine Mutter........ Mach ein vergebungsritual... Zb jack Kornfeld CD... In Meditationen für schwierige Zeiten...


    Mehr fällt mir dzt auch nicht ein. Hoffe trotzdem dir ev einen kleinen tip gegebenen zu haben. Du bist sehr klug für deine 26 Jahre. Bin mir sicher dass du einen guten Weg raus aus deiner Ambivalenz finden wirst und vergeben wirst können.


    Lg

  • Hall annalia. Ich sehe das ganz gleich so. Trotz all der Schuld durch deine Mutter, die du für dein Leben siehst täte ich an deiner Stelle einen langen Brief über all deine Emotionen an deine Mutter schreiben, danach selbst nochmals lesen, dich selbst von evtuellen Schuldgefühlen Freisprechen und dann den Brief als Ritual verbrennen. Es wird Zeit das du dich selbst neu er findest und dir selbst ein Leben gestattet. Was deinen Vater betrifft so hast du recht. Ein Partner kennt den anderen anders als die Kinder oder sonstjemand. Du kannst und musst davon ausgehen das er immer noch stark traumatisiert ist. Du kannst ihn aus meiner Perspektive zwar nicht zum heilsamen reden zwingen. Aber ich finde du kannst ihn bitten was für dein Leben zu tun indem er sich professionelle Hilfe nimmt. Ich denke das hast du eh schon getan. Aber gib deinen Vater niemals auf. Lg

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