Bizarres Leben

  • Hallo,


    Kurz vor Weihnachten verstarb meine Lebensgefährtin die zwar schwer erkrankt war, aber - auf einem guten Weg befindend - binnen eines halben Jahres die meisten Probleme erledigt hätte.

    Ich hatte mit ihr ab 2002 ein bundesweit erfolgreiches Unternehmen aufgebaut, das ab 2016 durch die Hausbank an die Wand gefahren wurde, wir bekamen nicht einmal bewilligte Fördergelder ausbezahlt.

    Ich wusste von ihr fast nichts aus ihrer Historie, es passt in 20 Sekunden. Eine böse Rolle darin spielte ihre Mutter, die 2009 verstarb.

    Wie ich heute weiß, fand meine Lebensgefährtin ab Herbst 2016 über eine Reha eine Vertraute, bei der sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit sowas wie eine Lebensbeichte ablegte. Das war just meine Mutter, die um diese Zeit für ein halbes Jahr bei uns wohnte, weil sie hierher in die Gegend zog und wegen Umstände mit meinen Geschwistern zur Ruhe kommen sollte.
    Beim Räumen des mit meiner Lebensgefährtin bewohnten Hauses konnte in Kisten und Kartons vergraben in groben Zügen ein furchtbar leidvolles Leben rekonstruiert werden. Und erst nach Gesprächen mit meiner Mutter erfuhr ich, was ich sonst nicht hätte erfahren sollte ... wie sehr meine Lebensgefährtin mich mochte (es aber nicht zeigen wollte/konnte), und wie recht es ihr gewesen wäre, wenn ich nicht so oft mit meinen Bedenken recht gehabt hätte. Meine Lebensgefährtin hätte sich ab der gemeinsamen Zeit viel Leid und Probleme ersparen können, sie konnte wohl wegen der Historie nicht.


    Ich war die letzten 5 Jahre ihr Schutzengel, sie konnte nicht auf sich selbst aufpassen. Mit dem Jahr 2017 lebte sie sichtlich auf, kümmerte sich, es ging voran ... und verstarb so plötzlich und unerwartet. Der Abend davor war schön, entspannt, gemeinsam gekocht ...
    Ich hatte Reanimation versucht, obwohl mir klar war, dass sie schon mind. 1h tot sein musste. Die Auffindesituation läst Fragen offen ... und andererseits Gewissheiten, dass sie friedlich verstarb. Mein Freund fuhr mich spät abends vom Grundstück, dort könnte ich nicht mehr übernachten. Das Radio ging an, es lief Morricone "spiel mir das Lied vom Tod" an. Derlei Bizarres hatte ich oft erlebt, ist aber alles sehr lange her.


    Seither ist nichts mehr so, wie es war. Ich bin ein schwerer Fall von Asperger. Möglicherweise erlebe ich nun erstmals bewusst Verlust, Trauer, ... ich kann es nicht beschreiben.

    Ich habe selbst eine schwere Zeit seit dem Tod meines Vaters 1980 hinter mir. 1976 erkrankte er und mir war klar, dass seine Aussichten nicht gut sind. Da war ich 9. Ich bat ihn einmal um einen Spaziergang und erzählte ihm von meinen Sorgen um sein Leben und Gesundheit. Das war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Das lässt mich auch nicht los. Heute weiß ich, dass man vor uns Kindern damals geheim halten wollte, wie es um ihn stand (inkl. der erklecklichen Wahrscheinlichkeit, dass der Tumor wieder käme). Auf dem Sterbebett bat er mich darum, zeit Lebens auf Mutter aufzupassen. Ich habe überlegt was ihn zu dieser Frage gebracht haben könne, ob ich das könne (ich war 14), und habe zugesagt. Das ist mir Gesetz, und das konnte ich vor wenigen Jahren für meine Mutter (gegen meine Geschwister) umsetzen.

    1981-1985 verstarben insgesamt 12 Jugendliche, mit denen ich Kontakt hatte. Immer standen Zusagen und Versprechen im Raum, nie konnte ich etwas einhalten, verhindern oder helfen.
    Insgesamt drei Reanimationen waren es, furchtbare Zustände. Immer hatte ich Stunden bis einige Tage zuvor Bilder im Kopf, die ich nicht loswurde. Mit Betreten der Szene wurde dann der Schrecken klar. Ich besuchte z.B. eine Zufallsbekanntschaft, die ich beim fragen nach dem Weg kennenlernte. Ich war sehr spät dran und die versprochenen Musikkassetten dabei. Lange Zeit im Windschatten eines Lkw ließ mehr als alles an Zeit aufholen. Im Ort musste ich die Straße suchen. Als ich sie endlich fand und einbog, stand da ein Lkw, auf der Seite war diese Bergwiese mit Himmel, Wolken, Fels ... aber keine Frau saß auf der Wiese wie in dem Bild im Kopf, dieser Lkw hat diese Bekanntschaft wenige Minuten zuvor überfahren. Es war der Lkw mit dem Windschatten, hinten war die Werbung nicht drauf.
    Ich konnte die Kassetten nicht abgeben, von dem Tag weiß ich eiegntlich nix mehr, nur dass ich nachts mein Rad schiebend daheim in die EInfahrt schob. Ich habe tausende Kilometer mit dem Auto später versucht die Strecke anhand von Erinnerungsfetzen zu finden, die ich wohl die ganze Strecke das Rad heimschob. Ich weiß nur ihren Vornamen.
    Ende 1985 konnte ich nach all den Erlebnissen nicht mehr, Koma aus unerfindlichen Gründen, ich habe es wegen super körperlicher Verfassung mit ein paar relativ unwesentlichen Einschränkungen überlebt.


    Die ganze Zeit 81-85 kommt nun hoch, hatte die ersten Wochen auch 2x nachts da Seelsorgetelefon angerufen. Hatte mir Bewegung vorordnet, viele große Strecken an der frischen Luft. Ich habe hier von einem Verein Veranstaltungen besucht. Es reicht nicht. Es funktioniert nicht. Ich war beim Arzt, auch wegen Medikamenten. Es ist dann auf andere Weise gräßlich, meine Kräfte schwinden.

    Die Tochter einer Cousine hatte letztens Konfirmation, wieder ein Termin und Ziel. Zuvor war ich schon einige Wochen nicht mehr draußen, nichts gemacht, nicht mal eingekauft.
    Die Konfirmation war wie ein kleiner Lichtblick, aber es reicht nicht. Suizidgedanken plagen mich seit Dezember, es ist alles so anstrengend auf sich aufzupassen.
    Ich würde mit meiner Lebensgefährtin tauschen wollen., meinen Vater gerne was fragen, Meike wiedersehen (die überfahren wurde) etc.


    Ich muss einsehen, dass ich diesen Kampf so nicht gewinnen kann. Ich würde nicht nur verlieren, ich würde es nicht überstehen und überleben.

    Mir fehlen sämtliche Möglichkeiten, mit allen fertig zu werden. Die grässliche Zeit von damals glaubte ich soweit hinter mir und muss nun erkennen, dass meine Lebensgefährtin vielleicht in ähnlicher Lage mich als Halt kennenlernte, und die ganze Zeit hatte. Sie also lieber nichts von sich erzählte, weil sie mich nicht belasten wollte.

    Einen Hausarztwechsel (den ich wegen Umzug nun gut erreichen kann) habe ich letztens hinbekommen, und noch für 5 Tage Medikamente.
    Es ist sowas wie eine finale Frist, die ich mir selbst setzte. Ich funktioniere nicht, ich schaffe es nicht. Erschreckend, wie man abbauen kann..
    Mein sowieso sehr kleines Umfeld weiß Bescheid.

    Mir bleibt keine Alternative, ich packe meine Sachen, und werde die Überweisung des Hausarztes mitnehmen.

    Zuvor war ich noch zuversichtlich, dass das ausreichend Motivation gibt, es zu vermeiden.

    Es ist die Überweisung in eine stationäre Behandlung, ich empfinde das als weitere, schwere Niederlage.
    Einsicht, Frust, Bitterkeit, Schwerz, Wut, Enttäuschung ... mir bleibt einfach nichts, bin völlig am Ende.

    Nicht mal die rechten Worte hab ich dafür, was da mit mir geschieht.


    Armin

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