wir trauern um
vor einem Jahr mussten wir uns verabschieden von
Unser Newsletter
Detail Pressemeldung
Was bleibt … Erinnerungsstücke
Eine Allerseelen-Geschichte
von Christine Pernlochner-Kügler
Bei Burattis ist es urgemütlich, das war mein erster Eindruck. Ich konnte es aber erst nicht so recht festmachen, denn urgemütlich heißt in Tirol ja meist, „eingerichtet im Landhausstil“ oder wie man das nennt. Das ist es aber nicht. Es ist anders gemütlich. Freundlich empfangen mich Evi und Sonja, auf dem Küchentisch mit Blick in den Garten wird Platz gemacht und im Laufe des Abends erfahre ich dann auch, warum es „anders gemütlich“ ist. Evi Buratti haben es die amerikanischen Autos angetan und auch der Rest der Familie scheint ein wenig US-verliebt zu sein. Der „Rest der Familie“ sind die 31jährige Sonja und der 34jährige Gerhard. Evi, die Mutter der beiden, ist 59 Jahre alt und seit August Witwe.
Ihr Hobby will sie nicht aufgeben: Sie besitzt einen Cadillac in grün, und einen Buick in dunkelblau als Alltagsfahrzeug. Nicht nur die Ami-Schlitten, sondern auch Country-Musik spielt in der Familie eine Rolle, hat doch der verstorbene Leopold Buratti – von allen Putzi genannt – als Bordmechaniker von Evi fungiert und außerdem Banjo und Gitarre gespielt und das sogar in jungen Jahren in einer Band. Einige seiner Gitarren hängen noch an der Wand über dem Sofa. Und jetzt fällt‘s mir also ein, es ist alles ein bissl wie auf einer Ranch, zumindest könnte ich mir vorstellen, dass es auf einer Ranch so aussieht.
Aber deshalb bin ich gar nicht hier. Hier bin zum Thema „Erinnerungsstücke“. Familie Buratti hat nämlich ein besonderes Erinnerungsstück von Leopold Buratti anfertigen lassen: Eine Totenmaske. Dass heute noch Totenmasken angefertigt werden, kommt vor, ist aber eher selten. Wenn ich erzähle, dass man beim Bestatter auch Totenmasken abnehmen lassen kann, dann reagieren die meisten mit: „Das ist aber makaber!“ Und auf Unverständnis und ungläubiges Kopfschütteln ist auch Evi teilweise gestoßen, viele haben aber auch gesagt, sie fänden die Idee gut und mutig.
Warum hat sie sich aber entschlossen, von ihrem verstorbenen Mann eine Totenmaske abnehmen zu lassen?
„Zuerst möchte ich dazu sagen, dass das Wort Totenmaske viele abschreckt und auch mir nicht gefällt, ich verwende lieber den wunderschönen Ausdruck: das letzte Antlitz“, erklärt Evi. „Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich hab einmal eine Totenmaske gesehen, die der Sohn von seinem Vater gemacht und diese sehr künstlerisch im Raum drapiert hat. Und mich hat diese Maske damals sehr fasziniert. Ich fand sie sehr schön. Ich hab dann mit meinem Mann schon vor Jahren über dieses Thema gesprochen, ihm gefiel die Vorstellung einer Totenmaske auch.
Darum habe ich ihm eine Maske abgenommen, unter Mithilfe eines Bekannten, der Künstler ist und schon Totenmasken gemacht hat, der genau weiß, wie man so etwas macht. Wir haben nicht mehr drüber gesprochen, der Putzi und ich, aber ich weiß, das ist für ihn o.k.! Und ich finde mich nicht mutig oder so, Fakt ist: wir waren die letzten 10 Stunden seines Lebens bei ihm, er wusste, er muss sterben und wir wussten es auch. Putzi hat noch ca. 10 Stunden vor seinem Tod gesagt: Ich glaub, das war‘s dann! Er ist in unseren Armen ganz friedlich eingeschlafen, wir waren noch Stunden nach seinem Hinübergleiten bei ihm und nach 40 Jahren Gemeinsamkeiten habe ich keine Berührungsängste.
Die Kinder wollten auch mit dabei sein. “ Evi holt die Maske vom Regal. Es ist ein Wachsmodell und zeigt Leopolds Gesicht 3 Tage nach seinem Tod.
Wie geht es ihr dabei, wenn sie die Maske anschaut?
„Er ist mir fremd. Der Putzi war immer ein Mensch mit Frohsinn, viel Humor, hatte ein lachendes, ein verschmitztes Gesicht, immer einen guten Spruch auf Lager. Als er gestorben ist, war dieser verschmitzte Ausdruck noch Stunden danach da. Sogar der Pfarrer von der Klinikseelsorge hat mir gesagt, dass man sieht, dass er einen guten Humor hatte. Der Putzi wollte sich von mir und auch von der Ärztin partout die Augen nicht schließen lassen als er gestorben ist. Ich hab sie ihm zugemacht und das ging einfach nicht, er hat sie immer wieder aufgemacht, so als wollte er uns sagen: Von Euch lass ich mir die Augen nicht zumachen, das entscheid ich auch noch selber und ich will sehen, wohin ich gehe!“, sagt Evi und Tochter Sonja fügt hinzu: „So war er einfach. So wie er einfach bis ganz zum Schluss, bis kurz vor seinem Tod noch aufmerksam war, ob er gut frisiert war, ob der Pyjama ordentlich angezogen war und einiges noch selber machte und machen wollte. Als er dann nicht mehr sprechen konnte, alles aufgeschrieben hatte. Obwohl er wusste, dass es dem Ende zugeht und er gar nicht dagegen angekämpft hat. Aber er wollte einfach bis zum Schluss alles selber machen, solange es eben geht.“
Evi, Gerhard und Sonja haben eine schwere Zeit hinter sich. Im März wurde bei Leopold ein inoperabler Tumor im Gallengang diagnostiziert, der in die Leber gewachsen war. Mit Therapien gab man ihm mögliche 1 bis 3 Jahre. „Anfang Juli habe ich gekündigt, um so viel letzte Zeit wie möglich mit meinem Mann zu verbringen. Aus den erhofften 3 Jahren wurden aber nur 5 Monate“, sagt Evi traurig.
Für Anfang Juli hatte Evi ihr jährliches US-Car-Treffen im Zillertal geplant. Da es ihrem Mann nicht gut ging, wollte sie nicht teilnehmen, dabei ist sie mit ihrer Freundin zusammen eine der beiden Obfrauen des Vereins „powerladies.at – US-Car-Freunde Tirol“. Aber Leopold meinte, sie müsse unbedingt mitmachen. Und das hat Evi selbst das Leben gerettet, denn am 2. Tag des Treffens im Zillertal hatte sie um 6.00 Uhr früh in der Dusche einen Schlaganfall. Ihre Freundin fand sie schnell und als Diplomkrankenschwester wusste diese gleich was los war und alarmierte den Notarzt. Zuhause im Bett hätte sie niemand so schnell gefunden, denn Leopold war ja in der Klinik und Tochter Sonja wohnt in ihrer eigenen Wohnung.
Tochter Sonja war sofort zur Stelle als man sie anrief, aber die junge Frau war nun mit der Tatsache konfrontiert, dass beide Eltern gleichzeitig ernsthaft krank waren. Es war glückerlicherweise ein leichter Schlaganfall und Evi war rasch wieder auf den Beinen, aber dennoch: Sie hatte Glück – und Gerhard und Sonja waren mit dem Thema „Endlichkeit“ beider Eltern konfrontiert. Das ist ein großer Einschnitt, damals war aber noch nicht klar, dass Leopold nur noch einen Monat zu leben hatte.
Ich komme auf die Totenmaske zurück: „Wenn er euch so fremd war, 3 Tage nach seinem Tod, und der ernste Gesichtsausdruck so gar nicht zu ihm gepasst hat, wie war der Abschied dann für euch beide? Und warum habt ihr die Maske trotz des ernsten Ausdrucks anfertigen lassen?“
„Weil ich einfach das Gefühl hatte, ich muß noch einmal zu ihm, „solange er noch da ist“. Ich spürte ihn noch irgendwie. Es hat mich immer wieder zu ihm hingezogen, vom Gefühl her, als wolle er mich nicht loslassen, nicht umgekehrt“, war Evis prompte Antwort. „Wir waren 40 Jahre zusammen, 37 davon verheiratet. 40 gemeinsame Jahre mit zwei gemeinsamen Kindern, Jahre, die einfach rundherum glücklich waren“, erzählt sie und strahlt dabei übers ganze Gesicht, trotz ihrer Trauer.
Der Abschied fand für die Familie daher in mehreren Stationen statt, um noch möglichst viel Zeit mit ihrem Putzi zu verbringen, bis sie ihn endgültig loslassen mussten: Beim Sterben, am Totenbett in der Klinik, sie besuchten ihn auch im Abschiednahmeraum der Klinik und es war ganz klar, auch bei der TrauerHilfe Bestattung Mag. Müller wollten sie nochmal zu ihm. Und das war sehr wichtig: Er hat sich sehr verändert, er war ernster und schmäler und das Eindruckvollste für alle drei war: Er war jetzt nicht mehr da! „Ich erinnere mich an die Ruhe, beschreibt Sonja die Atmosphäre, es war absolut ruhig und es war klar: Jetzt ist er weg, das ist nur mehr seine Hülle.“ Und Evi meint: „Er war jetzt nicht mehr da und in dieser Stille war das ein sehr friedliches „end-liches“ verabschieden.“
Ein Äußerung, die ich gut kenne und immer wieder von Angehörigen höre: „Friedlich, verändert, aber nur mehr die Hülle.“ Und das ist es meist, was dann trotz allem Schmerz und dem Vermissen, den Abschied vom Körper des Verstorbenen erleichtert. In der Erinnerung bleibt er ja: Als ganze Person, als Erscheinung und als Mensch mit seinen ganz speziellen Eigenschaften.
Dennoch hat die Evi und die beiden Kinder auch dieses letzte Bild der letzten Station in Leopolds Leben in Form einer Totenmaske behalten und wie sich herausstellt, nicht nur das: Putzi ist in den verschiedensten Formen im Raum – nicht nur als Maske und durch seine Gitarren. Da hängt natürlich noch seine Parte und auch die Beileidsbekundigungen, die sie schriftlich bekommen haben. Es gibt aber auch Putzis Asche in 3 kleinen Erinnerungsurnen und es gibt ein klein wenig Asche in einem Schmuckanhänger, den die beiden Frauen um den Hals tragen.
So ist Leopold immer dabei und das spüren die beiden Frauen: Evi und Sonja haben den Aschen-Schmuckanhänger immer dabei. Bei Ausfahrten mit dem Cadillac ist ihr Mann weiter mit dabei und sie muss nicht alleine fahren. Tochter Sonja ist äußerlich eine zarte junge Frau, spricht aber eher mit der Stimme einer Rock-Röhre und fährt Motorrad. Seit ihr Vater tot ist, fährt sie sicherer, als wär er jetzt immer mit dabei - wie eine Art Schutzengel.
„Und wo ist der Leopold jetzt im Moment grad“? – frag ich die beiden. „Der sitzt irgendwo in einer Ecke, schmunzelt und denkt sich: Was die da wieder daherreden!“, meint Evi. Und das konnte ich mir auch sehr gut vorstellen.







